Erste Hilfe am Arbeitsplatz oder „Gehört der überhaupt zu uns?“

Viele Unternehmen in Deutschland haben erkannt, dass kranke Mitarbeiter weniger bis gar keine Leistung erbringen können, was einen wirtschaftlichen Verlust für jedes Unternehmen bedeutet. Aus diesem Grunde wurden Konzepte entwickelt, die die Gesundheit fördern sollen. So gibt es in vielen Unternehmen Bewegungsangebote, eine gesundes Essensangebot in der Kantine oder sogar Geld für regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen.

Mein ehemaliger Arbeitgeber ging sogar soweit, dass ein eigener arbeitsmedizinischer Dienst eingerichtet wurde. Hier gab es eine Abteilung für Allgemein-Medizin sowie eine Abteilung für Physiotherapie (ja sogar massieren lassen konnte man sich während der Arbeitszeit!)

Ausgestattet war dieser AMD mit allen für den Alltag im Büro abgestimmten Geräten und zwei Ärzten. Diese waren zuständig für die Behandlung von leichteren Krankheiten, für die Erstdiagnose und Weiterleitung an den Hausarzt aber auch für den Notfalleinsatz bei Vorkommnissen im Gebäude.

Einen solchen Einsatz sollte ich dann auch miterleben…

Es war vor einigen Jahren (1,2 vielleicht auch 3 ;-)) in meiner Mittagspause. Auf dem Weg in die Kantine sah ich eine kleine Menschenansammlung direkt vor dem Haupteingang unseres Gebäudes – dazwischen konnte ich eine auf dem Boden liegende Person sehen.

Pflichtbewusst wie ich bin eilte ich zu der Menschentraube und fragte was vorgefallen sei. Ein Mann mittleren Alters erlitt einen Krampfanfall und landete beim Zusammensacken mit dem Kopf zuerst auf dem harten Betonboden. Die obligatorische Platzwunde war vorprogrammiert, der Patient nicht bei Bewusstsein.

Bis hierhin lief auch alles optimal. Der Empfangsdienst informierte die Feuerwehr und den sowie den „Büroarzt“. Es hatte sich nur noch keiner getraut, den Herren auch anzufassen.

Also begann ich mit der Erstversorgung (Freilegen der Atemwege, stabile Seitenlage). Dann kam auch schon unser Bürodoc samt Hivi hinzu.

Doch schon der erste Satz vom Doc irritierte und verärgerte mich zugleich. Er fragte mir leise – beinahe ins Ohr flüsternd – ob die Person überhaupt zu unserem Unternehmen gehören und damit in sein „Aufgabengebiet“ fallen würde.

Ich deutete auf die mangelnde Kommunikationsbereitschaft des Patienten dank dessen Bewustlosigkeit hin und bat den Doc doch selbst sein Glück zu probieren. Dieser schaute nur gelangweilt und setzte sich an die Füße des Patienten (das Stethoskop in den Händen baumelnd) und schaute den Patienten an. Ich hab ja schon gehört, dass Menschen wachwerden, weil sie es fühlen, wie sie jemand anschaut. Aber dass das auch bei Bewusstlosen Personen helfen soll…war mir zumindest neu!

Dann passierte eine gefühlte Ewigkeit nichts. Der Doc saß da und schaute abwechselnd mich und den Patienten fragend an…als würde er darauf warten, dass ihm irgendjemand sagt, was er zu tun hat. Irgendwann wurde mir das Ganze zu viel und ich fragte den Doc, ob es nicht sinnvoll sei die stark blutende Kopfplatzwunde zu versorgen. Er bejahte nur, regte sich aber immernoch kein Stück. Ich übernahm dann etwas fassungslos das Ruder und fragte den Hivi vom Doc nach Latexhandschuhen. Hier sei kurz erwähnt, dass dieser mit riesigem erste Hilfe Rucksack samt Defi (!!!) unterwegs war, aber nach langer Zeit Suchen keine Handschuhe finden konnte.

Noch ehe ich meinen Unmut darüber äußern konnte traf zum Glück der RTW ein. Auch hier war der Doc leider nicht in der Lage eine Übergabe an die RTW-Besatzung zu machen, die ihn zu Ankunft in voller Erwartung anschaute, sodass ich eine „Laienübergabe“ machte indem ich die gemachten Erkenntnisse schilderte. Einer der ersten die das Geschehen verfolgten nahm mich später beiseite und sagte nur folgenden Satz: „Also wenn mir mal was bei euch im Unternehmen passieren sollte, versuche ich es noch bis auf die Straße zu schaffen, denn jeder Autofahrer hilft mir eher als euer Doc“.

Ich möchte dies eigentlich nun unkommentiert so stehen lassen. Ich möchte mich hier in keinsterweise als oberschlau darstellen. Auch ich bin nur Laie, denn in der Freiwilligen Feuerwehr machen wir zwar regelmäßig Erste-Hilfe-Schulungen, diese haben allerdings sehr wenig mit einer fundierten Ausbildung zu tun und die Praxiserfahrung fehlt auch grundsätzlich.

Allerdings finde ich es erschreckend, wenn ausgebildete Mediziner entweder überfordert sind in solchen Situationen oder sich darauf berufen, der Mann würde nicht zum Unternehmen gehören. Ich möchte hier keinem etwas unterstellen…doch erschrocken war ich allemal.

Über Kommentare zu ähnlichen Erfahrungen oder eure Einstellung zu diesem Thema würde ich mich freuen.

Bis dahin alles Gute

Euer PapaWhiskey

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About papawhiskey88

Dieser Blog wird von mir aus datenschutzrechtlichen Gründen anonym gehalten. Ich stamme aus einer Großstadt irgendwo in Deutschland und berichte über mein Berufsleben in einem großen Konzern und über Geschehnisse die ich in der Freiwilligen Feuerwehr so erlebe.

2 thoughts on “Erste Hilfe am Arbeitsplatz oder „Gehört der überhaupt zu uns?“

  1. Was den Arzt angeht: Ich denke, er ist „nur“ Hausarzt. Hausärzte haben nach ihrer Zulassung fast genauso selten mit „echten“ Notfällen zu tun wie jeder andere auch. Sie haben im Gegensatz zu dir meißtens nicht einmal die jährliche EH- Ausbildung. Daher sind viele von ihnen überfordert, wenn ein Notfall passiert. Es ist etwas grundlegend anderes, jemandem in der Praxis unter „klinischen Umständen“ jemandem nach seinen Bauchschmerzen zu befragen, als auf der Straße ganz ohne Termin und Zimmervorbereitung jemandem bei einem Krampf zu helfen. Glaube mir, ich war schon bei vielen überforderten Hausärzten!
    Sie sind dann aber oft auch dankbar, wenn du sie quasi anleitest: „Soll ich die Wunde versorgen? Seinen Kopf überstrecken? Ich fühle mal den Puls…“
    Wenn sie auf „Suggestivfragen“ einfach nur mit „Ja.“ antworten müssen, bleibt ihr „Führungsanspruch“ nach außen gewahrt, und sie sind glücklich.
    Ich erlebe es immer wieder, dass sich auch frische Notärzte gerne vom erfahrenen Assistenten/ Sani „an die Hand nehmen lassen“. Wenn sie klug sind.
    Nicht verzweifeln! Denk dir einfach, du hättest einen Psychiater vor dir…
    Guter Tipp: Am schlimmsten sind übrigens Krankenschwestern. Die interpretieren mir sogar auf einer avr- EKG- Ableitung einen Hinterwandinfarkt. Aus 2m Entfernung auf einem 6″- Monitor. Das schafft noch nicht einmal ein erfahrener Kardiologe!

  2. Danke für den ausführlichen Kommentar! Ich habe mir das schon so gedacht.
    Das Unverständnis ist in dem Moment wahrscheinlich dadurch entstanden, dass ich selbst als Laie (auch bei den regelmäßigen Schulungen sehe ich mich als Laie) da stand und froh war, dass jemand, den ich in diesem Moment für einen Profi halte, mir die Verantwortung / Last abnimmt.
    Von daher war ich etwas überrascht in diesem Moment. Man stellt sich ja schon die Frage, was mal ist, wenn es beispielswiese zu einem Herzkreislaufstillstand kommt oder sonst was…
    Sicherlich kann man dem Menschen keinen Vorwurf machen.

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